Cluetrain-Clinic-Manifesto

Ein RTD-Impuls von Peter P. Pramstaller
Botzen, 20/03/2020

 

Ein Traum der Menschheit ist wohl die Zukunft vorhersagen zu können. Was ließe sich alles mit einer solchen Fähigkeit gestalten und was wäre dies für ein Geschenk in Krisenzeiten. Wenn im Voraus klar wäre, was zu tun wäre und wie Gefahren besser abgewendet werden könnten. In Szenarien versuchen wir daher uns Zukunftsentwicklungen gedanklich anzunähern. Prognosen gehören heute zum Führungsalltag eigentlich in allen Organisationen. Viele Vorhersagen erweisen sich jedoch im Nachhinein als Irrwege und die Realität entwickelt sich meist ganz anders, als in Szenarien abgebildet.
Und doch scheint es interessanterweise auch die gegenteilige Situation zu geben. Hinweise auf eine sehr klare und eindeutige Entwicklungslinie sind deutlich zu erkennen, werden stärker und tauchen wiederholt auf. Und doch nimmt diese Hinweise niemand wahr. David Searls, David Weinberger und Kollegen haben im Kontext der Entwicklung der Kommunikation in Zeiten von Smartphones und Internet den Begriff des „Cluetrain“ geprägt. Sie erklärten, dass bereits früh die heutigen Entwicklungen des Kommunikationsverhaltens der Menschen abzulesen waren. Es sei, als ob ein großer Zug voller Hinweise auf die künftigen Veränderungen täglich mehrfach in einen Bahnhof einfahren würde, doch niemand würde die Hinweise abholen. Als wollten die Menschen die Zukunft nicht sehen und gingen an den Hinweisen einfach vorbei.
Die im „Cluetrain-Manifesto“ beschriebenen 95 Thesen haben sich zu einem Großteil bewahrheitet und die Einschätzung der klar erkennbaren Zukunft im Bereich Kommunikation hat die Idee des „Cluetrain“ bestätigt.

Im Klinikkontext und im Rahmen der Entwicklungen innerhalb unserer Krankenhäuser gibt es aus unserer Sicht „paketweise“ Hinweise auf das, was z.B. die Digitalisierung, der technische Fortschritt, der Wissenszuwachs oder demografische Entwicklungen bringen werden. Es ist klar erkennbar, wohin uns eine weitere Ökonomisierung und „Industrialisierung“ der medizinischen Prozesse führen werden. Der „Cluetrain“ fährt in voller Geschwindigkeit und doch haben erst wenige Kliniken die Weichen auf Zukunft gestellt. Digitalisierung bleibt oft auf dem Niveau der Abbildung des Analogen in einer neuen digitalen Welt stecken. Die wirklichen Chancen einer tiefgreifenden Vernetzung bleiben für Forschung und Therapie annähernd ungenutzt. Dem bereits bestehenden Ärztemangel wird mit „mehr desselben“ begegnet, klassische Stellen ausgeschrieben und Boni ausgehandelt. Sind wir wirklich fit für die Zukunft? Wir glauben, dass es in der Verantwortung aller leitenden Ärztinnen und Ärzte und auch des Managements liegt, die Zukunftshinweise aufzunehmen, zu reflektieren und mutige Entwicklungsentscheidungen zu treffen. Nur dann wird eine Umsetzung gelingen, die auch in Zukunft eine am Menschen orientierte und nachhaltige Medizin absichert. Methodisch schlagen wir vor, dass in Kliniken ein eigenes Manifest geschrieben wir, in dem die individuellen Hinweise in Pakete geclustert und kurz beschrieben werden. Ein solches Manifest hilft der Mitarbeiterschaft eine gemeinsame Orientierung zu gewinnen und mutige Entscheidungen für neue Weichenstellungen zu treffen. Dann wird es möglich Kliniken und Gesundheitsinstitutionen von der Zukunft her zu denken und nicht nur die Vergangenheit in leicht gewandelter Form fortzuschreiben.

 

Prof. Dr. Peter P. Pramstaller

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