Corona Krise verändert Klinken

Ein RTD-Kommentar von Sven Lüngen
Backnang, 25/03/2020

 

Enormer wirtschaftlicher Druck, betriebswirtschaftliche Denk- und Handlungsweisen und Rationalisierungsprogramme gehörten in den letzten Jahren eigentlich zum Standard in allen Klinken und Krankenhäusern. Effizienzgetrieben wurden Prozesse optimiert, Personal reduziert und Finanzkennzahlen verbessert. Die Fragen einer „guten“ Medizin schienen in den Hintergrund gerutscht zu sein und Ärztinnen und Ärzte, die sich für eine am Menschen orientierte Medizin einsetzen, wurden oftmals als „Sozialromantiker“ belächelt. Wir hatten zum Teil die Wahrnehmung, dass die wirklichen „Lenker“ und „Entscheider“ die Controller sind. DRG-optimiert planen sie die klinischen Leistungen und versuchen die vorhandene Unterfinanzierung durch geschickte Winkelzüge auszugleichen.

Doch jetzt in der Covid-19-Krise wird mit einem Schlag alles anders. Es ist für alle uneingeschränkt erkennbar, dass es in Gesundheitsinstitutionen um die Versorgung von Menschen geht und damit schlussendlich auch um Leben und Tod. Mitarbeitende in den Kliniken bereiten sich auf schwerwiegende Triage-Entscheidungen in befürchteten Situationen von unzureichenden Intensivbetten, zu wenigen Beatmungsgeräten oder mangelndem Personal vor. Material wird jetzt schon in einigen Kliniken knapp und der Umbau der Stationen auf die Anforderungen der Isolation bedeutet eine gemeinsame, berufsgruppenübergreifende Kraftanstrengung.

In dieser Situation scheinen Fragen der Wirtschaftlichkeit in den Hintergrund zu geraten. Die angeordnete Verschiebung von Operationen und anderen Leistungen reißt deutliche Löcher auf der Ertragsseite und die explodierenden Preise für jetzt notwendige Verbrauchsmaterialien sowie die notwendigen Umrüstungen und Umbauten türmen enorme Positionen auf der Kostenseite auf. Und trotzdem ist der Politik klar, dass es jetzt nicht die Zeit ist den Fokus auf die Ökonomie zu legen, sondern für die Gesundheit der Menschen die „letzten“ Reserven zu mobilisieren.

Klinken verändern sich gerade deutlich. Bisherige organisatorische Grenzen treten in den Hintergrund und Mitarbeitende aus allen Berufsgruppen beschreiben uns, dass ein neuer Teamgeist entsteht. Das „Wir“ gewinnt an Bedeutung und neue Formen der Zusammenarbeit, Achtsamkeit und Wertschätzung im täglichen Miteinander scheinen sich zu entwickeln. Hoffen wir, dass neben den absehbaren und bereits erlebten verheerenden Folgen der Pandemie einige der derzeitigen Veränderungen erhalten bleiben und die Zukunft des Gesundheitswesens mitprägen werden. Ein größeres „Wir“ vielleicht sogar institutionenübergreifend ist sicherlich kein schlechter Ratgeber und vielleicht auch der Schlüssel für eine „endlich“ funktionierende integrierte Versorgung.

 

Sven Lüngen, M.A.

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