Effizienz als Falle

Ein RTD-Kommentar von Sven Lüngen
Backnang, 26/03/2020

 

Na klar: Verschwendung in einem System, welches sich um die Versorgung von Menschen bemüht, geht eigentlich gar nicht. Es gilt die vorhandenen Ressourcen bestmöglich für Wohlbefinden und Gesundheit einzusetzen. Und mit Recht haben daher zahlreiche Initiativen in Kliniken, Krankenhäusern und anderen Gesundheitsinstitutionen das Ziel von „leanen“ Strukturen und Prozessen verfolgt. Alles wurde durchforstet und auf vermeidbaren Mittel- und Zeiteinsatz hin durchleuchtet – mit Erfolg. Auf diesem Wege konnten Ressourcen für Wertvolleres als für Leerleistungen, Reibungsverluste oder vermeidbare Fehler eingespart und schlussendlich eingesetzt werden. Und doch wird mit der Zeit deutlich, dass Effizienzstreben alleine nicht langfristig funktionieren kann. Optimierung hat Grenzen und noch schlimmer: Optimierung kehrt sich um, wenn man es zu weit treibt. Gunter Dueck beschreibt dies in seinem aktuellen Buch in einer einfachen Formel: Gute Prozesse lassen sich zu noch besseren Prozessen optimieren, doch wenn dann Effizienzstreben kein Ende findet, kommt am Ende nur „Bullshit“ (um bei dem Wort von Gunter Dueck zu bleiben) heraus. Es gibt einen Mitteleinsatz, der für das Erreichen eines Zwecks optimal geeignet zu sein scheint. Wird dieser Einsatz weiter reduziert, geschieht dies zum Preis einer sinkenden Qualität, reduzierter Prozessstabilität und verringerter Resilienz. Es mag sein, dass kurzfristig z.B. über einen enormen Einsatz der Mitarbeitenden die Unterschreitung von notwendigen Ressourcen abgefedert werden kann, aber grundsätzlich wird dies immer eine Hypothek auf die Zukunft sein. Dreht man den Regler zu weit, gerät man in die Effizienzfalle: Dann gehen bisherige Effizienzgewinne verloren und im schlimmsten Fall steht man schlechter da, als vor der letzten Einsparinitiative.

Doch was an einer konsequenten Effizienzorientierung aus unserer Sicht das gravierendste Problem darstellt, ist dass die Frage der Effektivität aus dem Blick gerät. Während die Effizienz das Verhältnis von In- und Output beschreibt, ist Effektivität die Maßzahl für den Grad der Zielerreichung: Wie weit haben wir geschafft, was wir uns inhaltlich vorgenommen haben? Für uns ist es zum Teil schwer auszuhalten, wenn die Fragen des Mitteleinsatzes für Behandlungen diskutiert werden, ohne das eigentliche Therapieziel in den Blick zu nehmen. Für uns sind Effektivität und Effizienz zwei Seiten einer Medaille und müssen im wechselseitigen Zusammenhang reflektiert und gestaltet werden. Fokussiert man auf eine Seite ohne die Zusammenhänge mit der jeweils anderen mitzudenken, kann aus unserer Sicht tatsächlich in den meisten Fällen nur „Bullshit“ dabei herauskommen. Wir haben uns angewöhnt in unserem Beratungs- und Begleitungsalltag bei dem Blick auf die eine Seite immer nach der anderen zu fragen. Oft löst dies Irritation aus, wenn wir im Gespräch z.B. mit einem Medizincontroller nach den Therapiezielen oder im Gespräch mit einem Chefarzt nach dem aktuellen Ressourceneinsatz fragen. Doch dort, wo ein Gespräch darüber möglich wird, kommen die Perspektiven wie z.B. Medizin, Personal oder BWL wieder zu einem sinnvollen Ganzen zusammen. Die für uns oft künstliche wirkende Trennung der Bereiche kann überwunden und die vorhandene Komplexität im Alltag durch ein vernetztes Denken besser gemeistert werden. Wenn Sie nicht in die Effizienzfalle tappen wollen, dann behalten Sie im Alltag auch die Zielorientierung bei.

 

 

Sven Lüngen, M.A.

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