Kooperation und Konkurrenz

Ein RTD-Kommentar von Sven Lüngen
Backnang, 29/03/2020

 

„Bei wachsender Sorge um das Überleben steigt auch die Bereitschaft mit anderen in den Wettbewerb um die lebensrettenden Ressourcen zu treten.“ Was wie eine verhaltenspsychologische Erkenntnis tönt, spiegelt unsere Erfahrung in vielen Fällen der Strategieentwicklung in Krankenhäusern und Kliniken wider. In Zeiten der Unterfinanzierung und des politischen Willens einer grundlegenden Umstrukturierung des Medizin- und Krankenhauswesens kämpfen immer mehr Kliniken um das Überleben. Das Jahr 2019 haben knapp zwei Drittel der Krankenhausträger mit roten Zahlen abgeschlossen und im Jahr 2020 wird die Situation pandemiebedingt noch wesentlich dramatischer. In der Strategiearbeit besteht in der Konsequenz bei vielen eine deutliche Bereitschaft mit anderen Kliniken auch in einen Verdrängungswettbewerb einzusteigen. Wer zieht mehr Patientinnen und Patienten an und kann sich mit den besseren Fallzahlen durchsetzen? Nur in deutlich weniger Fällen wird mit den umliegenden Häusern gemeinsam nach einem guten Weg in eine nachhaltige Zukunft gesucht und sich kooperativ für eine gute Versorgung in der Region eingesetzt. Doch sogar innerhalb eines Klinikums gibt es vergleichbare Konkurrenzdynamiken. Auf der Jagd nach „Case Mix-Punkten“ bleiben Patienten in einer Klinik in Behandlung, obwohl in Nachbarkliniken eine medizinisch bessere Behandlung möglich wäre. Dies sind zwar hoffentlich nur Einzelfälle, doch immer wieder wird uns dies hinter vorgehaltener Hand berichtet: „Wenn wir unsere Zielvorgaben erreichen und unseren Bonus bekommen möchten, bleibt uns eigentlich nichts anderes übrig.“

Dabei legen umfassende Forschungen z.B. von Landkammer und Sassenberg inzwischen klar dar, dass ein ausgewogenes Maß von Kooperation und Konkurrenz den besten Nutzen generieren kann. Dann werden die positiven Auswirkungen beider Handlungsmodi kombiniert und überdurchschnittliche Ergebnisse ermöglicht.

Aktuell nehmen wir in der Krise deutliche Veränderungen wahr. Durch drastische und in den letzten 50 Jahren einmalige Herausforderungen rücken Kliniken weiter zusammen. Konkurrenten werden zu Partnern im gemeinsamen Kampf gegen das Coronavirus (COVID-19). Es werden Formen der Zusammenarbeit möglich, die vorher unvorstellbar gewesen wären. So wurde in der Region Mühldorf und Altötting in Bayern eine klinikübergreifende und landkreisübergreifende Kooperation gestartet. Gemeinsam wurde eine Klinik zur „Corona-Klink“ umgerüstet, um die Situation der Betriebe und die Versorgung der Menschen in der Region gemeinsam zu optimieren. Auch wenn die Klinken bereits eine Fusion geplant hatten, ist dies für uns eine schier unglaubliche Entwicklung. Es zeugt von Weitsicht und gedanklicher Offenheit der zuständigen Politikerinnen und Politiker, der Managerinnen und Manager und vor allem der handelnden Ärztinnen und Ärzte.

Es tut uns im Medizin- und Gesundheitssystem gut, wenn Kooperation selbstverständlicher wird und neben den Wettbewerbsmechanismen mehr Gewicht bekommt. Wenn dann übergeordnet auch länderübergreifend Zusammenarbeit im Sinne von Patientinnen und Patienten möglich wird, wie wir es im Rahmen der Pandemie zwischen einzelnen EU-Ländern erleben, stehen die Zeichen gut, dass wir hier in Zukunft wirklich neue kooperative Wege gehen können.

 

 

 

Sven Lüngen, M.A.

(c) RTD

Foto: Luftaufnahme Kreisklinik Altötting
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