Schreckgespenst Ökonomisierung

Ein RTD-Kommentar von Sven Lüngen
Backnang, 27/03/2020

 

Auch wenn sich gerade alle einig zu sein scheinen und lauthals die „Ökonomisierung des Gesundheitswesens und der Krankenhausversorgung“ beklagen, kommen wir zu einer etwas anderen Einschätzung: Wir erkennen keine Ökonomisierung! Eine Ökonomisierung würde voraussetzen, dass etwas mit Prinzipien des Wirtschaftens neu durchzogen wird, was vorher frei von diesen Grundsätzen war. Dabei bedeutet wirtschaften für uns im engeren Sinne den zielgerichteten Einsatz von Ressourcen, um Bedürfnisse zu befriedigen. Und was sonst passiert bei medizinisch-therapeutischen Leistungen oder in klinischen Prozessen? Es werden Arbeitszeit, Verbrauchsmaterialien, Energie, Medikamente und andere Ressourcen für die Gesunderhaltung oder Genesung von Menschen eingesetzt. Seit jeher sind Ärztinnen und Ärzte somit immer auch Ökonomen und müssen mit zur Verfügung stehenden Ressourcen haushalten.

Für uns ist das zentrale Problem des Wirtschaftens im Gesundheitssystem somit nicht das Wirtschaften selbst, sondern die in den letzten Jahren u.a. mit dem DRG-System etablierten Mechanismen, die das Wirtschaften steuern sowie ein ethisch fragwürdiges Gewinnstreben von Betreibern und Eigentümern von Gesundheitsinstitutionen.

1. Steuerungsmechanismen

Es ist wichtig, dass Steuerungsimpulse einen verantwortungsvollen Ressourceneinsatz unterstützen und Verschwendung oder unnötige Leistungen reduzieren. Das DRG-System entlohnt die unterschiedlichen Leistungen jedoch sehr verschieden. Es gibt Leistungen, die sich wirtschaftlich mehr lohnen als andere. In Zeiten von Unterfinanzierung und hohem wirtschaftlichem Druck ist dann nicht auszuschließen, dass diese unterschiedliche Refinanzierung Einfluss auf die Wahl der Therapie hat. Eine Entwicklung, die wir aktuell so wahrnehmen und für grundsätzlich problematisch halten.

2. Gewinnstreben

Um es gleich vorweg zu nehmen: Gewinn ist aus unserer Sicht für Einrichtungen des Gesundheitswesens notwendig, um daraus die Zukunft zu gestalten. Gewinn ist nichts Verwerfliches. Was wir jedoch für problematisch halten ist, wenn Eigentümer über Gebühr positive Ergebnisse aus den Einrichtungen abziehen und eigene Interessen daraus bedienen. Aus unserer Sicht sollten Gewinne genutzt werden, um für schwierigere Zeiten vorzusorgen, Forschung und Innovation zu finanzieren und die Qualität der Leistungen für die Menschen im Rahmen des Möglichen zu verbessern. Wenn Gewinne immer reinvestiert werden, gibt es auch weniger Interesse den Gewinn auf Kosten der Qualität oder der Bezahlung der Mitarbeitenden zu optimieren. Dann wird sich das jeweilige System so einschwingen lassen, dass der für eine erfolgreiche Zukunft notwendige Gewinn erwirtschaftet wird: nicht mehr und nicht weniger.

Nun könnten uns Kritiker entgegen, dass genau die genannten zwei Aspekte mit dem Begriff der Ökonomisierung gemeint seien. Für uns hat dies jedoch eine bedeutend unterschiedliche Qualität. Im Rahmen der Ökonomisierungsdebatte wie sie zuletzt im großen Stern-Aufruf von hunderten Ärztinnen und Ärzten vorgetragen wurde, erkennen wir zugespitzt eine Opferrolle, in der sich die Medizinerinnen und Mediziner sehen. Von außen werden die Anforderungen des Wirtschaftens quasi der Medizin übergestülpt und die eigene Gestaltungsmacht geht verloren. Für uns stehen die leitenden Ärztinnen und Ärzte jedoch in einer Verantwortung die Steuerungsmechanismen sowie die Gewinnverwendung mitzugestalten und an Maßstäben einer „guten Medizin“ auszurichten. Sie sind keine Opfer, sondern sie nutzen (zumindest zum Teil) vorhandene Gestaltungsräume nur unzureichend. Es braucht mehr Leadership durch Ärztinnen und Ärzte auch in ökonomischen Fragen, damit die Medizin wieder im Fokus steht und nicht die ökonomischen Ergebnisse oberste Priorität haben. Für diesen Primaten einer nachhaltigen und am Menschen orientierten Medizin möchten wir uns einsetzen. Es wird Zeit, dass sich leitende Ärztinnen und Ärzte diesem zusätzlichen Thema vollverantwortlich stellen.

 

 

 

 

Sven Lüngen, M.A.

(c) RTD