Positive Deviance

Ein RTD-Impuls von Peter Pramstaller
Botzen, 20/03/2020

 

Der Mensch ist geprägt von seinem Umfeld und wir alle sind enormen Konformitätskräften ausgesetzt. Jeder, der in einer größeren Besprechung einmal den Eindruck hatte, dass alle anderen im Raum sich einig sind, weiß, wie schwer es sein kann für seine Überzeugungen einzustehen. U.a. Solomon Asch konnte im Rahmen empirischer Forschungen mehrfach nachweisen, dass sich das Verhalten von Menschen in Gruppen aneinander annähert. Es wird ähnlicher und es entstehen gruppenspezifische Verhaltensmuster, die Gruppen und deren Kulturen prägen.
Beobachtet man jedoch Gruppen zum Beispiel in Veränderungssituationen genau, fallen oft „positive Abweichler“ auf. Trotz annährend gleicher Rahmenbedingungen gelingt es einzelnen Personen mit spezifischen Anforderungen besser klar zu kommen, als anderen. Sie finden innovativere Lösungen, sind engagierter oder offener für Unterstützung durch andere. Richard Pascale und seine beiden Mitautoren Jerry und Monique Sternin beschreiben in dem Buch „The Power of Positive Deviance“ beeindruckende Beispiele wie einzelne engagierte „Abweichler“ das Leben verändern können: Mütter, die in schwierigen Rahmenbedingungen eine Unterernährung der eigenen Kinder verhindern, obwohl in der Nachbarschaft die Versorgung aller anderen Kinder unzureichend ist, Kliniken, die im Kampf gegen multiresistente Keime auffallend erfolgreich sind, obwohl sie absolut vergleichbare Rahmenbedingungen haben, wie andere Einrichtungen oder mutige Eltern, die sich erfolgreich gegen die Beschneidung der eigenen Töchter einsetzen. Die Autoren entwickeln (aufbauend auf den Arbeiten von Marian Zeitlin an der Tufts-Universität aus den 1980er Jahren) rund um diese positiven Abweichler einen eigenen Ansatz der Veränderung. Nicht die Initiation über „Macht“ und „Hierarchie“ sondern das Nutzen der Erfolge der Abweichler sind zentraler Dreh und Angelpunkt dieses Ansatzes. Die Veränderung geschieht somit von innen heraus und nicht wie so oft in Organisationen zu finden durch Impulse von außen. Die Autoren stellen klar heraus, dass die Veränderungskünstler (Berater, Trainer oder Redner) in den meisten Fällen mit wenig nachhaltigem Erfolg Interventionen setzen und dann oft einfach weiterziehen. Die positiven Abweichler sind dagegen jedoch Teil des jeweiligen Systems. Sie werden nicht weiterziehen und werden sich bei Themen, die ihnen am Herzen liegen engagiert und nachhaltig für die Veränderung einsetzen.

Auch bei geplanten Veränderungen oder anstehenden Transformationen in Kliniken hat sich für uns bewährt diese besonderen Personen aufzuspüren und in der Gruppe in angemessenem Rahmen sichtbar zu machen. Es lohnt sich die Kraft der positiven Vorbilder nutzbar zu machen und nicht nur als Führungskraft Entwicklung zu fördern oder gar Verhaltensanpassungen einzufordern. Die positiven Abweichler können den Konformitätsdruck in einer Gruppe neu ausrichten helfen und die Prägung der Gruppe nachhaltig von innen heraus verändern. Kennen Sie die positiven Abweichler in Ihrem Bereich? Wissen Sie, wer erfolgreich schon Dinge umsetzt, die Sie noch in Ihrem Verantwortungsbereich sehen wollen? Finden Sie diese Kolleginnen und Kollegen und gewinnen Sie sie als Vorbilder und Veränderungstreiber.

 

Prof. Dr. Peter P. Pramstaller

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