Tipping Point

Ein RTD-Kommentar von Peter P. Pramstaller
Botzen, 29/03/2020

 

Als Malcolm Gladwell 2002 seinen Bestseller „Tipping Point“ schrieb, ahnte er nicht, welche Aktualität und Brisanz seine Metapher einer Epidemie zur Erklärung von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen heute haben wird. Er veranschaulicht an Beispielen wie den in den 90iger-Jahren hippen Schuhen „Hush Puppies“, wie sich die Nachfrage nach einem bisherigen Ladenhüter in kürzester Zeit exponentiell vervielfacht. Unter bestimmten Umständen breiten sich einzelne Phänomene quasi wie eine Epidemie aus. Es reichen ein paar wenige Personen, die ein großes persönliches Netzwerk und für die Menschen, mit denen sie in Verbindung stehen, eine hinreichende Relevanz haben. Ein Impuls setzt sich dann in diesem Netzwerk zügig fort und „infiziert“ einen nach dem anderen.

In Zeiten der aktuellen Corona-Krise können wir die beschriebenen Phänomene auf tragische Weise nochmals nachvollziehen. Es reicht ein kleiner Virus, der mit den gesundheitlichen Risiken die ganze Welt in Atem hält und die Wirtschaft zum Stillstand zwingt. Der „Tipping Point“ wurde in China im Januar bereits überschritten und wie bei einer Lawine, die langsam mit wenigen Kubikzentimetern Schnee in Gang kommt, sukzessive Fahrt aufnimmt und ab einem gewissen Punkt – dem „Tipping Point“ – mit keiner Kraft der Welt mehr aufzuhalten ist, grassiert COVID-19 nun so lange, bis die Energie dieser Pandemiewelle langsam abflacht.

Doch die Frage, die Gladwell bewegt ist, wie Prozesse so initiiert und gestaltet werden können, dass sich positive Entwicklungen nach einem ähnlichen Muster entwickeln können. Nachvollziehbar arbeitet er heraus, dass es neben den Menschen mit dem breiten Netzwerk (Gladwell nennt sie „Vermittler“) auch Personen braucht, die als eine Art Experten in einer Gruppe anerkannt sind. Als „Kenner“ stellen sie in einem „Infektionsprozess“ eine Form von Qualitätskontrolle sicher. Machen sie in einem Trend mit, hat dies eine legitimierende Wirkung in der Gruppe: „Wenn dieser Kenner mitmacht, dann wird es richtig sein!“  Der letzte Aspekt, den Gladwell als Voraussetzung für eine unerwartet große Wirkung von eigentlich kleinen Dingen beschreibt, sind die richtigen Rahmenbedingungen. So darf z.B. eine soziale Gruppe, in der ein solcher Prozess startet, nicht zu groß sein. Sonst ist die Wirkung der Vermittler und Kenner zu schwach, weil sie niemand mehr richtig kennt oder zuordnen kann.

Im Kontext von Kliniken, Krankenhäusern und dem Gesundheitssystem als Ganzem bewegen uns „Tipping Points“ in zweierlei Hinsicht:

 

  1. „Tipping Point“ der Veränderung

Wir kennen aktuell kaum eine Institution im Medizin- und Gesundheitswesen, die sich nicht in Veränderung oder in grundlegender Transformation befindet. Im Rahmen der zugrundeliegenden Change-Prozesse werden die Erkenntnisse Gladwells oft nur unzureichend genutzt. Seine Überlegungen zu den Vermittlern und Kennern sind bei der Frage der Beteiligung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wertvoll. Sie helfen Projektteams wirksam zusammenzustellen und die richtigen Schlüsselpersonen in der Organisation ausfindig zu machen. Egal ob Kulturprojekt, wirtschaftliche Optimierung oder strategische Neuausrichtung, der „Tipping Point“ – Gedanke kann helfen die Ideen in der Organisation schnell zu verbreiten und die Umsetzung zu beschleunigen.

 

  1. „Tipping Point“ der Entwicklung des Gesundheitssystems

Ein weiterer, viel grundsätzlicherer Blick auf das Thema „Tipping Point“ ist mit unserem Gesundheitssystem als Ganzem verbunden. Wir stellen uns die Frage, inwieweit aktuelle Entwicklungen uns gesamthaft an einen „Tipping Point“ führen. An einen Punkt, der unser Gesundheitssystem grundlegend verändern und einen nicht mehr aufzuhaltenden Prozess auslösen wird. So könnten die demografische Entwicklung unserer Gesellschaft, steigender wirtschaftlicher Druck, Technisierung und digitaler Fortschritt im Zusammenspiel mit weiteren Trends und Megatrends einen solchen „Tipping Point“ provozieren; eine Lawine auslösen, die, wenn wir jetzt die Rahmenbedingungen angemessen ausrichten und Prozesse verantwortungsvoll ausgestalten, etwas Positives bewirken könnte. Oder aber es gelingt nicht der Epidemie Herr zu werden und die Lawine hinterlässt einen gravierenden Schaden.

 

Wir möchten einen Beitrag leisten, dass im Kleinen wie im Großen Lawinen entstehen, die Positives bewirken, „Infektionen“, die Entwicklungen zum „Guten“ auslösen und Wendungen, die nachhaltige Prozesse unterstützen. Mögen wir in der aktuellen Situation der COVID-19-Pandemie eine Lawine von Achtsamkeit, Kooperation, Vernunft und Zusammenhalt entgegensetzen, damit die dramatischen Auswirkungen eine Begrenzung finden.

 

Prof. Dr. Peter P. Pramstaller

(c) RTD